
Wer als aktives Mitglied unserer Verbindung das Glück hatte, ein Zimmer im Borusso-Westfalenhaus zu bewohnen, kann sehr wohl von sich behaupten, eine Zeit lang eine der vornehmsten Adressen Europas die seine genannt zu haben.
Die Poppelsdorfer Allee bildet die nördliche Grenze der Bonner
"Südstadt", einem gründerzeitlichen Wohnviertel, das eine
architektonische Kostbarkeit von europäischem Rang ist. Von Krieg und
Sanierungswut fast unberührt, blieben die zumeist herrschaftlichen
Häuser so erhalten, wie sie zwischen 1860 und dem Beginn des ersten
Weltkrieges gebaut wurden. Ihre Fassaden spiegeln das bürgerliche
Selbstbewußtsein des "fin de siècle" und der "belle époque"
wieder. Hinter den schmiedeeisernen Zäunen der Vorgärten und dem Laub
der Kastanien imponieren sie mit Adlern und Zinnen.
Der gründerzeitliche Bauboom erreichte in den Jahren zwischen 1890 und 1905 seinen Höhepunkt. In dieser Zeit wurde auch unser Haus gebaut. Hier wohnte das gehobene Bürgertum: Beamte, Professoren, Kaufleute, Ärzte, Anwälte, reiche Pensionäre. Für sie wurden die meisten Häuser als Spekulationsbauten hinter standesgemäßen Fassaden errichtet. Beeindruckend ist die Tiefe der Fundamente mit ihren Gewölben, mittelalterlich anmutend, geeignet zum lautstarken Feiern und zum professionellen Einlagern von gutem Wein.
Die Poppelsdorfer Allee ist die exakt einen Kilometer lange "Barock-Achse" zwischen der ehemaligen kurfürstlichen Residenz (das heutige Hauptgebäude der Universität) und dem Poppelsdorfer Lustschloß. Napoleon nahm einst auf der Allee Paraden entgegen, und hier zu wohnen war zur Jahrhundertwende wie jetzt etwas Besonderes.
Entsprechend prächtig geben sich die Fassaden. So ist auch unser Verbindungshaus mit seinen giebelgekrönten Ziegeltürmchen und Erkern Teil einer "Palaisfassade" im Stil der Neurenaissance, die sich ein Hauspaar spiegelbildlich teilt. Doch die Nachbarschaft war zum Teil noch exklusiver. Gegenüber befindet sich die ehemalige Residenz der Bankiers Rothschild-Simon, ein imposantes palastartiges Doppelhaus. Dann ist da noch die Alte Sternwarte, einem von Carl Friedrich Schinkel entworfenen Backsteinbau, von dem der Astronom Friedrich Wilhelm Argelander seine berühmte "Bonner Durchmusterung" des Sternenhimmels vornahm.
Unser Haus, einst von einer Kaufmannsfamilie gebaut, ging 1957 in den Besitz der Borusso-Westfalia über. Seither ist es zur temporären Heimat vieler Studentengenerationen geworden, und all die Geschichten und Anekdoten, die es gesehen hat, könnten Bände füllen.
von Guido Germano & Eric Stein