Geschichte des CV

Vor­ge­schich­te:
Um 1800 stand es nicht gut um das Anse­hen der katho­li­schen Kirche in Deutsch­land, denn die damals domi­nie­ren­de Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung und des Ratio­na­lis­mus, welche die Herr­schaft der Ver­nunft ver­kün­de­te, hatte vor allem im damals geis­tig füh­ren­den Frank­reich eine ein­deu­tig anti­ka­tho­li­sche, athe­is­ti­sche oder deis­ti­sche Stoß­rich­tung.

Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss:
Noch bestand das Hei­li­ge Römi­sche Reich Deut­scher Nation, in dem die Katho­li­ken poli­tisch ein Über­ge­wicht hatten. Sie stell­ten mit dem Kaiser in Wien das Reichs­ober­haupt. Auch der zweite Mann im Reich, der Erz­kanz­ler und Erz­bi­schof von Mainz, und die Mehr­heit der Kur­fürs­ten waren katho­lisch. Aber die Tage dieses alten Rei­ches waren gezählt, und 1801 erhiel­ten die Fran­zo­sen im Frie­den von Lunevil­le end­gül­tig das links­rhei­ni­sche Gebiet.
Um die welt­li­chen Fürs­ten für ihre Ver­lus­te west­lich des Rheins zu ent­schä­di­gen, beschloss man 1803 im Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss die Säku­la­ri­sa­ti­on der ehe­mals geist­li­chen Ter­ri­to­ri­en und ihre Über­ga­be an welt­li­che Fürs­ten. Dies führte zu einer ent­schei­den­den Ver­än­de­rung der Stel­lung der deut­schen Katho­li­ken im Reich. Durch den Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss von 1803 wurde Deutsch­land von einem katho­lisch zu einem pro­tes­tan­tisch gepräg­ten Reichs­ge­bil­de, denn nun wurden mit Aus­nah­me von Bayern und dem Spe­zi­al­fall Sach­sen alle deut­schen Katho­li­ken Unter­ta­nen von pro­tes­tan­ti­schen Lan­des­her­ren.

Bil­dungs­si­tua­ti­on:
In dieser Zeit wurden 18 katho­li­sche Uni­ver­si­tä­ten in Deutsch­land geschlos­sen. Einige von ihnen, wie die von Bonn, Bres­lau, Mün­chen und Müns­ter, wurden zu pari­tä­ti­schen, aber stark pro­tes­tan­tisch bestimm­ten Hoch­schu­len. Zusam­men mit der Säku­la­ri­sie­rung der Klös­ter, die auch zu einem Schlie­ßen der länd­li­chen Klos­ter­schu­len führte, hatte dies die Folge, dass die zumeist auf dem Land woh­nen­den Katho­li­ken ihrer Bil­dungs­mög­lich­kei­ten beraubt wurden und somit gegen­über der pro­tes­tan­tisch gepräg­ten Stadt­be­völ­ke­rung benach­tei­ligt waren. Dass auch die Stu­den­ten­schaft selbst sich als pro­tes­tan­tisch ansah, zeigt sich daran, dass die Jenaer Stu­den­ten die Ein­la­dun­gen zum Wart­burg­fest nur an die 13 evan­ge­li­schen Uni­ver­si­tä­ten sand­ten, nicht an die katho­li­schen (Das Wart­burg­fest erin­ner­te nicht nur an die Völ­ker­schlacht bei Leip­zig, son­dern auch an den 300. Jah­res­tag der Refor­ma­ti­on).

Poli­ti­sche Mit­be­stim­mung:
Da im 19. Jahr­hun­dert in den meis­ten deut­schen Staa­ten (bis 1848 beson­ders stark und dann teil­wei­se gemil­dert) ein Zen­sus­wahl­recht bestand, das nur den Besit­zen­den und Steu­er­zah­lern ein nach Reich­tum gestaf­fel­tes Wahl­recht gewähr­te, wurde in der Poli­tik neben dem Adel das über­wie­gend libe­ra­le pro­tes­tan­ti­sche Besitz­bür­ger­tum all­mäh­lich domi­nie­rend, wäh­rend die weni­ger wohl­ha­ben­de katho­li­sche Land­be­völ­ke­rung und das Klein­bür­ger­tum auch dort, wo sie die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung aus­mach­ten, zumin­dest bis 1848 von der poli­ti­schen Mit­be­stim­mung weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen waren und erst später all­mäh­lich poli­ti­sche Rechte erhiel­ten.

Situa­ti­on der Kor­po­ra­tio­nen:
Das kor­po­ra­ti­ve Leben an den deut­schen Hoch­schu­len wurde in der ersten Hälfte des 19. Jh. von den waf­fen­stu­den­ti­schen Ver­bän­den, vor allem von den Corps und Bur­schen­schaf­ten, bestimmt. Es herrsch­te gegen­über dem Chris­ten­tum und erst recht gegen­über dem Katho­li­zis­mus eine äußerst indif­fe­ren­te libe­ra­lis­ti­sche Welt- und Lebens­auf­fas­sung, in der das Reli­giö­se und Welt­an­schau­li­che kaum Pflege fand. Reli­gio­si­tät wurde im Zuge des Libe­ra­lis­mus mehr und mehr gleich­ge­setzt mit Unauf­ge­klärt­heit und Hin­ter­welt­ler­tum. Das all­ge­mein prak­ti­zier­te Aus­tra­gen von Mensur und Duell stand zudem im Wider­spruch zu den Geset­zen der katho­li­schen Kirche.

Schmä­hun­gen der Katho­li­ken:
Die wie­der­hol­ten Über­grif­fe des neuen preu­ßi­schen Staats­kir­chen­tums gegen Mit­glie­der und Ein­rich­tun­gen der katho­li­schen Kirche, wie die Gefan­gen­nah­me des Kölner Erz­bi­schofs im Jahre 1837 infol­ge der Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Frage des Ehe­pa­ra­gra­phen, der die preu­ßisch-evan­ge­li­sche Staats­re­li­gi­on begüns­tig­te, und die öffent­li­chen Schmä­hun­gen und Ver­höh­nun­gen der Katho­li­ken anläss­lich der Aus­stel­lung des Hl. Rockes in Trier 1844 för­der­ten deren Abwehr­geist und ließen eine all­ge­mei­ne Katho­li­sche Volks­be­we­gung ent­ste­hen, die auch auf die stu­den­ti­schen Kreise über­griff. Die katho­li­schen Stu­den­ten­zu­sam­men­schlüs­se lehn­ten sich in ihren äuße­ren Formen stark an die bestehen­den Kor­po­ra­tio­nen an, waren aber im Gegen­satz zu diesen bestrebt, dem stu­den­ti­schen Gemein­schafts­le­ben neuen Inhalt zu geben, auf­bau­end auf den von Anfang an bis heute gleich geblie­be­nen Prin­zi­pi­en: RELIGIO, SCIENTIA, AMICITIA, (PATRIA).

Entstehen der katholischen Korporationen

1844: sieben Stu­die­ren­de grün­den in Bonn Bava­ria, die erste katho­li­sche deut­sche Stu­den­ten­ver­bin­dung, um “durch Bele­bung der katho­li­schen Inter­es­sen dem fort­schrei­ten­den Indif­fe­ren­tis­mus Ein­halt zu gebie­ten”. Auf Anre­gung der Bava­ria ent­ste­hen fünf wei­te­re katho­li­sche Ver­ei­ni­gun­gen in Bonn; sie legen Farben an, um in aller Öffent­lich­keit ihre Grund­sät­ze zu beken­nen.

1854: Aus dem von Franz Lorenz Gerbl in Mün­chen gegrün­de­ten “Katho­li­schen Lese­ver­ein für Stu­die­ren­de” ent­steht die Ver­bin­dung Aenania. Duell­ver­bot, Katho­li­zi­täts­prin­zip und das Tragen von Farben werden nach­ein­an­der in die Sta­tu­ten auf­ge­nom­men.

1856: In Bres­lau ent­steht durch Bemü­hun­gen eines Aen­anen­phi­lis­ters aus einem 1856 gegrün­de­ten Lese­ver­ein die katho­li­sche Stu­den­ten­ver­bin­dung Win­fri­dia. Win­fri­dia regt im glei­chen Jahr an, dass die Aenania mit ihr freund­schaft­li­che Bezie­hun­gen auf­neh­me. Aenania akzep­tiert das Ange­bot am 6.12.1856. Von daher gilt dieses Datum als der Geburts­tag des Car­tell­ver­ban­des der katho­li­schen deut­schen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen (CV).

1863: erste Car­tell­ver­samm­lung in Frank­furt

1863: Abspal­tung der nicht­far­ben­tra­gen­den Ver­ei­ne (ab 1865 KV)

1888: Die “Aca­de­mia” (Ver­bands­zeit­schrift) wird von Bbr. AH Wurm ins Leben geru­fen.

1891: Beschluss des CV, an jedem Hoch­schul­ort nur eine Ver­bin­dung bestehen zu lassen (Sin­gu­la­ri­täts­prin­zip) Sauer­land­ia Müns­ter und Nove­s­ia Bonn schlie­ßen sich zu einer Car­tell­ver­ei­ni­gung zusam­men, dem spä­te­ren “katho­li­schen deut­schen Ver­band far­ben­tra­gen­der Stu­den­ten­kor­po­ra­tio­nen” (KDV), auch „klei­ner CV“ genannt. Wei­te­re Kor­po­ra­tio­nen treten diesem bei.

1899: Das Sin­gu­la­ri­täts­prin­zip wird abge­schafft.

1904: Auf­nah­me von Ver­bin­dun­gen an Tech­ni­schen Hoch­schu­len in den CV, nach­dem diese das Matu­ri­täts­prin­zip ein­ge­führt haben (Abitur als Auf­nah­me­kri­te­ri­um).

1904: Beginn des so genann­ten “aka­de­mi­schen Kul­tur­kamp­fes” um die Exis­tenz­be­rech­ti­gung der katho­li­schen Kor­po­ra­tio­nen in Deutsch­land und Öster­reich. Die katho­li­schen Stu­den­ten­ver­ei­ni­gun­gen haben sich auf Grund ihrer Ableh­nung des Duells und der Mensur und der wach­sen­den Mit­glie­der­zah­len den Hass und die Eifer­sucht der schla­gen­den Ver­bän­de zuge­zo­gen.
Im Namen der „aka­de­mi­schen Frei­heit“, die man durch die kon­fes­sio­nel­le Bin­dung in Gefahr sieht, wird ihnen daher der Kampf ange­sagt. Das Ziel ist die Auf­lö­sung oder Unter­drü­ckung der „kon­fes­sio­nel­len“ (gemeint: katho­li­schen) Kor­po­ra­tio­nen, womit nicht zuletzt als Fort­set­zung des Kul­tur­kamp­fes die katho­li­sche Kirche bekämpft werden soll. Der CV ist als far­ben­tra­gen­der Ver­band das belieb­tes­te Ziel der Angrif­fe und vie­ler­orts Miss­ach­tun­gen, Unduld­sam­kei­ten und Gehäs­sig­kei­ten aus­ge­setzt.

1905: Der Ver­band deut­scher Hoch­schu­len wird als Koor­di­na­ti­ons­gre­mi­um im Kampf gegen kon­fes­sio­nel­le Kor­po­ra­tio­nen gegrün­det.

1907: Auf­nah­me von Ver­bin­dun­gen von Tier­ärzt­li­chen Hoch­schu­len nach Ein­füh­rung des Matu­ri­täts­prin­zips

1907: Ein­füh­rung des Patria-Prin­zips

1908: Mit der Selbst­auf­lö­sung des Ver­ban­des deut­scher Hoch­schu­len findet der aka­de­mi­sche Kul­tur­kampf ein Ende, das nicht zuletzt auf das Anstei­gen der Anzahl, der Mit­glie­der­zahl und der inne­ren Fes­tig­keit der bekämpf­ten Kor­po­ra­tio­nen zurück­zu­füh­ren ist.

1908: Eta­blie­rung des “Weißen Rings” aus Pro­test gegen den Ver­fall von Com­ment und Sitte

1911: Auf­ge­hen der acht KDV-Ver­bin­dun­gen in den CV

1912: Ein­füh­rung des ver­pflich­ten­den „Duz“-Comments. Die Ver­bin­dun­gen des Weißen Rings siezen sich gegen­sei­tig weiter.

1920: Auf­nah­me von Ver­bin­dun­gen von Land­wirt­schaft­li­chen Hoch­schu­len

1921: In dem Erlan­ger Ver­bän­de­ab­kom­men wird die Gleich­be­rech­ti­gung und Gleich­wer­tig­keit der schla­gen­den und nicht­schla­gen­den Kor­po­rier­ten aner­kannt und gegen­sei­ti­ger Respekt ver­ein­bart.

1923: Verbot des gegen­sei­ti­gen Sie­zens an den Weißen Ring

1932: Der CV bezieht auf seiner 61. Car­tell­ver­samm­lung in Mün­chen ein­deu­tig gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus Stel­lung und bezeich­net die Zuge­hö­rig­keit zur NSDAP mit der Zuge­hö­rig­keit zum CV als unver­ein­bar, solan­ge die Bischö­fe den Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­ur­tei­len (dies taten sie aber nur noch bis zum Reichs­kon­kor­dat 1933)

1933: Der CV wird nach dem Füh­rer­prin­zip umstruk­tu­riert.

1933: Abspal­tung des ÖCV

1934: Umbil­dung der Ver­bin­dungs­häu­ser in Kame­rad­schafts­häu­ser, Abschaf­fung des Katho­li­zi­täts­prin­zips

1935: Selbst­auf­lö­sung des akti­ven CV auf der 63. C.V. in Würz­burg, um die Geg­ner­schaft zum NS-Stu­den­ten­bund, dem neuen allei­ni­gen Träger der stu­den­ti­schen Erzie­hung, zu ver­mei­den, und um die stu­die­ren­den Mit­glie­der nicht in die Zwangs­la­ge zu brin­gen, ihr Stu­di­um nicht fort­füh­ren zu können.
Der Alt­her­ren­bund bleibt bestehen.
Anord­nung des Reichs­stu­den­ten­bunds­füh­rers, wonach gleich­zei­ti­ge Mit­glied­schaft in einer stu­den­ti­schen Kor­po­ra­ti­on für Mit­glie­der bzw. Anwär­ter des NSDStB unter­sagt ist.

1936: “Heß-Erlaß”, wonach allen stu­die­ren­den Mit­glie­dern der NSDAP oder einer ihrer Glie­de­run­gen die Mit­glied­schaft in einer stu­den­ti­schen Kor­po­ra­ti­on ver­bo­ten wird.

1938: Alle katho­li­schen Stu­den­ten- und Alt­aka­de­mi­ker­ver­bän­de werden “zum Schutz von Volk und Staat” als staats­feind­lich auf­ge­löst. Damit ist u.a. der CV-Alt­her­ren­bund zer­schla­gen.

1945: Beginn des Wie­der­auf­baus des CV in Zonen­ver­bän­den, Neu­be­grün­dung der aus den Ost­ge­bie­ten ver­trie­be­nen Ver­bin­dun­gen in west­deut­schen Hoch­schul­städ­ten.

1950: End­gül­ti­ge Wie­der­be­grün­dung des CV durch den Zusam­men­schluss der Zonen­ver­bän­de zu einem Ver­band auf der 64. C.V. in Mainz

1968: Die Stu­den­ten­be­we­gung der sech­zi­ger Jahre erreicht den CV. Vor dem Hin­ter­grund der Stu­den­ten­un­ru­hen und des all­ge­mei­nen Reform­ei­fers wird im CV die Auf­nah­me nicht­ka­tho­li­scher Chris­ten dis­ku­tiert, ebenso wie die Auf­ga­be von For­ma­li­en und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren (Auf­nah­me von Frauen, Abschaf­fung des Fuxen­sta­tus, der Cou­leur, der Knei­pen usw.).

1969: Auf der Car­tell­ver­samm­lung in Kiel werden diese For­de­run­gen end­gül­tig zurück­ge­wie­sen, jedoch eine Amnes­tie für bereits gesche­he­ne Ver­stö­ße beschlos­sen („Kieler Amnes­tie“).

1972: Neu­for­mu­lie­rung der Prin­zi­pi­en bei Bei­be­hal­tung des Wesens­kerns

1974: Erwei­te­rung der “Ver­fas­sung des CV” um die Ver­bän­de­ab­kom­men mit dem ÖCV (1957), SchStV (1963), TCV (1974) und der Edo-Rhen­ania/­To­kio

1975: Bei­tritt des CV zu dem im glei­chen Jahr gegrün­de­ten “Euro­päi­schen Kar­tell-Ver­band christ­li­cher Stu­den­ten­ver­bän­de” (EKV)

1977: Ver­bän­de­ab­kom­men mit Katho­liek Vlaams Hoog­stu­den­ten Ver­bond (KVHV).

1981: Ver­bän­de­ab­kom­men mit dem Kar­tell­ver­band katho­li­scher deut­scher Stu­den­ten­ver­ei­ne (KV) und dem Ver­band der Wis­sen­schaft­li­chen Katho­li­schen Stu­den­ten­ver­ei­ne Unitas (UV).

2007: Der CV lässt seine Mit­glied­schaft im EKV bis 2009 ruhen