Geschichte des Korporationswesens

Wie ent­stan­den eigent­lich Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen und was ist der Unter­schied zwi­schen Bur­schen­schaft, Katho­li­scher Ver­bin­dung und Corps? Einige Infos haben wir zusam­men­ge­stellt:

Mit den ersten Uni­ver­si­tä­ten ent­stan­den auch Zusam­men­schlüs­se von Stu­den­ten. Diese ent­wi­ckel­ten bestimm­te Formen, die als frühe Vor­läu­fer heu­ti­ger Ver­bin­dungs­tra­di­tio­nen anzu­se­hen sind. Erst vor diesem Hin­ter­grund kann man die heu­ti­gen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen ver­ste­hen.

a) Natio­nes (12. und 13. Jh.)
Im Mit­tel­al­ter glie­der­te man die Gesamt­heit (uni­ver­si­tas) der Pro­fes­so­ren und Stu­den­ten einer Hoch­schu­le nach Gebie­ten ihrer Her­kunft: z.B. an den frühen Uni­ver­si­tä­ten in Bolo­gna und Paris.
Diese Zusam­men­schlüs­se wurden natio­nes genannt, hatten aber weder mit den spä­te­ren Natio­nal­staa­ten noch einer natio­na­len Hal­tung zu tun. Sie dien­ten wie Gilden dem Schutz ihrer Mit­glie­der und waren wie­der­um in Kor­po­ra­tio­nen (oder Col­le­gi­en) unter­teilt. So genos­sen die „deut­schen“ Stu­den­ten in Orleans den Schutz des deut­schen Königs und durf­ten mit dem Degen bewaff­net sein. (Daran wird noch heute – auch bei nicht­schla­gen­den Kor­po­ra­tio­nen – durch das Tragen des Schlä­gers erin­nert.)

b) Bursen (13. und 14 Jh.)
Die frühen Uni­ver­si­tä­ten hatten Woh­nun­gen für Magis­ter (Lehrer) und Scho­laren (Schü­ler), die der­sel­ben „Nation“ ange­hör­ten. In diesen hos­pi­cia oder Col­le­gi­en wurden auch die Vor­le­sun­gen gehal­ten. Daraus ent­wi­ckel­ten sich Wohn-, Ess- und Lehr­ge­mein­schaf­ten unter der Lei­tung eines Magis­ters. Diese Gemein­schaf­ten hatten eine gemein­sa­me Kasse (latei­nisch bursa), aus der der gemein­sa­me Lebens­un­ter­halt bestrit­ten wurde. Daher wurden sie auch Bursen genannt. Anfangs waren die Bursen nur für arme Stu­den­ten gedacht, denen ein Sti­pen­di­um (Bursen genannt) gewährt wurde, später durf­ten die Col­le­gi­en auch Stu­den­ten auf­neh­men, die ihre Burse selbst bezahl­ten. Neue Bur­sen­mit­glie­der muss­ten sich einer ritu­el­len Depo­si­ti­on unter­zie­hen: Wäh­rend dieser Auf­nah­me­frist durfte man sie miss­han­deln, sie muss­ten ein Ein­tritts­geld an die Burse zahlen oder die älte­ren Semes­ter eine Weile aus­hal­ten. Die Klei­dung der in der Burse woh­nen­den Stu­den­ten (col­le­gia­ti, bur­sa­ti oder burs­a­rii genannt, hier­aus ent­wi­ckel­te sich der heu­ti­ge Begriff des Bur­schen) war genau nach Farbe, Stoff und Schnitt vor­ge­schrie­ben, hier­aus ent­wi­ckel­te sich das heu­ti­ge Cou­leur.

c) Die alten Lands­mann­schaf­ten (15., 16. und 17. Jh.)
Im 15. und 16. Jahr­hun­dert gerie­ten die Uni­ver­si­tä­ten immer mehr unter den Ein­fluss, die Finan­zie­rung und Kon­trol­le der Lan­des­fürs­ten. Nun bil­de­ten sich ver­mehrt pri­va­te Stu­den­ten­zir­kel, die nur der gemein­sa­men Gesel­lig­keit und der Unter­stüt­zung in Not­zei­ten dien­ten. Sie waren eben­falls lands­mann­schaft­lich orga­ni­siert, aber kein Teil der Uni­ver­si­tät mehr. Die Stu­den­ten knüpf­ten an bestehen­de Tra­di­tio­nen an und nann­ten ihre Zusam­men­schlüs­se auch „Natio­nen“ oder „Lands­mann­schaf­ten“ und ihre Mit­glie­der „Bur­schen“ (abge­lei­tet von „Burse“). Einige Quel­len schil­dern, dass zu dieser Zeit zum ersten Mal der Begriff „Fux“ als Bezeich­nung für ehe­ma­li­ge Gym­na­si­as­ten auf­taucht, die neu an die Uni­ver­si­tät kamen.
Im 17. Jahr­hun­dert wurde der „Pen­na­lis­mus“ als Auf­nah­me­ri­tu­al ver­brei­tet: Die Stu­di­en­an­fän­ger („Pen­nä­ler“) wurden oft ein Jahr lang aus­ge­beu­tet und muss­ten die älte­ren Semes­ter bedie­nen. Nach hef­ti­gen Aus­wüch­sen wurde 1654 vor den Reichs­tag in Regens­burg ein Abkom­men der evan­ge­li­schen Reichs­stän­de zur Ahn­dung sol­cher Ver­stö­ße getrof­fen. Auf dieser Grund­la­ge bekämpf­ten die Uni­ver­si­tä­ten diesen Brauch und die Lands­mann­schaf­ten mehr oder weni­ger ener­gisch. Den­noch konn­ten sie sich bis ins 18. Jahr­hun­dert hinein halten.
Die Zuge­hö­rig­keit zu einer Lands­mann­schaft endete mit dem Stu­di­en­ab­schluss. Einen Lebens­bund gab es noch nicht.

d) Stu­den­ten­or­den (18. Jh.)
Inner­halb der an Bedeu­tung ver­lie­ren­den Lands­mann­schaf­ten des 18. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten sich engere Formen von stu­den­ti­schen Zusam­men­schlüs­sen. Die wich­tigs­ten waren zunächst die Stu­den­ten­or­den, die sich nach dem Vor­bild der Frei­mau­rer­lo­gen, aber auch der lite­ra­risch-phi­lo­so­phi­schen Orden des 17. und 18. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten. Von ihnen stam­men das stren­ge inter­ne Regle­ment (Con­sti­tu­ti­on), das förm­li­che Auf­nah­me-Ver­spre­chen und viele, teils gehei­me Iden­ti­täts­sym­bo­le wie Zirkel, Bun­des­zei­chen usw., die bis heute in Gebrauch sind. Die Stu­den­ten­or­den, waren der erste Ver­bin­dungs­ty­pus, bei dem die Mit­glied­schaft nicht mit dem Examen endete; das Lebens­bund-Prin­zip ent­stand.
Obwohl sie unpo­li­tisch waren, wurden die Orden von der jewei­li­gen Obrig­keit miss­trau­isch beob­ach­tet.
1793 verbot ein Abschied des Immer­wäh­ren­den Reichs­tags in Regens­burg alle Stu­den­ten­or­den im ganzen Hei­li­gen Römi­schen Reich. Damit war diese Orga­ni­sa­ti­ons­form prak­tisch am Ende.

Geschichte der heutigen Verbindungen

Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen im heu­ti­gen Sinne ent­wi­ckel­ten sich an deutsch­spra­chi­gen Uni­ver­si­tä­ten seit etwa 1800. Sie über­nah­men ein­zel­ne Ele­men­te der älte­ren Formen stu­den­ti­scher Zusam­men­schlüs­se und ent­wi­ckel­ten sie weiter.

a) Ent­ste­hung der frühen Corps
Nach dem Verbot der Stu­den­ten­or­den bil­de­ten sich neue Formen selbst ver­wal­te­ter stu­den­ti­scher Zusam­men­schlüs­se, die später so genann­ten Corps. Sie trugen in der Anfangs­zeit noch ganz unter­schied­li­che Namen wie “Lands­mann­schaft”, “Gesell­schaft”, “Kränz­chen”, “Club” usw. Sie ver­ban­den äußere Ele­men­te der Orden — straf­fes Regle­ment, ver­bind­li­che Zusam­men­ge­hö­rig­keit, gehei­me Iden­ti­tät­sym­bo­le — mit denen der alten Lands­mann­schaf­ten — latei­ni­sche Lan­des­na­men, farb­lich ein­heit­li­che Klei­dung (Vor­läu­fer der Cou­leurs) und schu­fen so die ersten Ver­bin­dun­gen heu­ti­gen Typs.
Bereits in den ersten, frühen Defi­ni­tio­nen des Corps­stu­den­ten­tums wird aus­drück­lich betont, dass poli­ti­sche Betä­ti­gung keine Auf­ga­be der Corps sei. Schon in den Anfangs­jah­ren war es den Mit­glie­dern frei­ge­stellt, welche poli­ti­sche Über­zeu­gung sie per­sön­lich hegen. Diese Grund­auf­fas­sung wirkt sich bis heute dahin­ge­hend aus, dass Corps­stu­den­ten vielen ver­schie­de­nen poli­ti­schen Rich­tun­gen und Par­tei­en ange­hö­ren, aber nach Ansicht der Corps einen beson­de­ren, über­durch­schnitt­li­chen Ein­fluss auf die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung genom­men haben.
Neu an ihnen war auch, dass sie sich an jeder ein­zel­nen Uni­ver­si­tät zu Senio­ren-Con­ven­ten (SC) zusam­men­schlos­sen und ein stu­den­ti­sches Geset­zes­werk erstell­ten, das für alle Stu­den­ten der Uni­ver­si­tät ver­bind­lich war: den SC-Com­ment. Der Grund waren die damals übli­chen rauen Sitten und Gebräu­che.

b) Die Urbur­schen­schaft
Inner­halb der frühen Corps regten sich bald Bestre­bun­gen, die lands­mann­schaft­li­che Glie­de­rung der Stu­den­ten an den Uni­ver­si­tä­ten abzu­schaf­fen und alle Stu­den­ten („Bur­schen“) in einer ein­heit­li­chen “Bur­schen­schaft” zusam­men­zu­füh­ren. Auch in der Poli­tik sollte die Klein­staa­te­rei zuguns­ten eines ver­ein­ten Deutsch­lands abge­schafft werden.
Schon kurz nach den Befrei­ungs­krie­gen grün­de­te sich am 1. Novem­ber 1814 in Halle (Saale) eine Teu­to­nia, die noch stark in den lands­mann­schaft­li­chen Tra­di­tio­nen der frühen Corps ver­wur­zelt war. Sie ver­wen­de­te zwar noch nicht die Bezeich­nung “Bur­schen­schaft”, ver­folg­te aber schon ähn­li­che Ziele und stell­te sich bereits gegen den Senio­ren-Con­vent (SC) der Corps. Aus ihr ent­wi­ckel­te sich in den kom­men­den Jahren die “teu­to­ni­sche Bewe­gung”, die zur Grün­dung ähn­li­cher Zusam­men­schlüs­se an ande­ren deut­schen Uni­ver­si­tä­ten führte.
In Jena hatten im August 1814 die zurück­ge­kehr­ten Frei­wil­li­gen der Befrei­ungs­krie­ge eine „Wehr­schaft“ gebil­det, die sich im Gebrauch der Waffen übte. Ihre Ange­hö­ri­gen waren Mit­glie­der der ver­schie­dens­ten orts­an­säs­si­gen Corps, die sich damals teil­wei­se noch “Lands­mann­schaft” nann­ten. Sie ver­band das in der Zeit der napo­leo­ni­schen Besat­zung auf­ge­kom­me­ne Stre­ben nach poli­ti­scher Ein­heit Deutsch­lands und der Glaube an dessen Wehr­haf­tig­keit, wie es bei vielen von ihnen bereits durch die Teil­nah­me am Lützow’schen Frei­corps zum Aus­druck gekom­men war.
Die trei­ben­de Kraft für die Grün­dung einer all­ge­mei­nen Ver­bin­dung, einer “Bur­schen­schaft”, war die “Lands­mann­schaft” Van­da­lia. Nach teils hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den ande­ren “Lands­mann­schaf­ten” beschloss der Senio­ren-Con­vent am 29. Mai 1815 seine Auf­lö­sung und am 12. Juni gingen schließ­lich alle in Jena bestehen­den “Lands­mann­schaf­ten” in der ersten Bur­schen­schaft — der Urbur­schen­schaft – auf, die in der Gast­stät­te „Grüne Tanne“ vor den Toren Jenas gegrün­det wurde. Der bur­schen­schaft­li­che Gedan­ke griff dann von Jena aus­ge­hend schnell um sich. Bald schon kamen die Farben schwarz-rot-gold als Symbol für die Bewe­gung auf. Sie leiten sich von den Uni­form­far­ben des Lüt­zow­schen Frei­corps ab. (schwar­ze Uni­for­men, rote Vor­stö­ße und gol­de­ne Knöpfe)
Die Bewe­gung stell­te sich gegen die frühen Corps und ihre SCs, die bis dahin die Gesamt­ver­tre­tung für die Stu­den­ten einer Uni­ver­si­tät bean­spruch­ten.
Bei einem Tref­fen von etwa 500 Stu­den­ten auf der Wart­burg am 18. Okto­ber 1817 (dem Jah­res­tag der Refor­ma­ti­on und Völ­ker­schlacht bei Leip­zig) grün­de­te sich die All­ge­mei­ne Deut­sche Bur­schen­schaft, die ein deutsch­land­wei­ter, bur­schen­schaft­li­cher Zusam­men­schluss aller Stu­den­ten sein sollte. Wäh­rend der Zusam­men­kunft kam es auch zu einer ursprüng­lich nicht geplan­ten Ver­bren­nung von sym­bol­be­la­de­nen Gegen­stän­den und von Büchern durch eine Gruppe radi­ka­ler Stu­den­ten.
Bei den Wart­burg­fes­ten 1818 und 1819 waren jeweils etwa 3.000 Bur­schen anwe­send, was in etwa ein Drit­tel der gesam­ten Stu­den­ten­schaft des Deut­schen Bundes war.
Der deutsch­land­wei­te Zusam­men­schluss aller Bur­schen­schaf­ter gelang aber nicht, auch die Urbur­schen­schaft in Jena zer­split­ter­te in ver­schie­de­ne Strö­mun­gen.
Die Bur­schen­schaf­ten waren von Anfang an poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen mit poli­ti­schen For­de­run­gen: vor allem nach demo­kra­ti­schen Refor­men und Deutsch­lands Eini­gung. Die Corps dage­gen ver­stan­den sich als Zusam­men­schlüs­se zur gemein­sa­men Rege­lung des stu­den­ti­schen Lebens.
Die Obrig­keit nahm auf diese Gegen­sät­ze keine Rück­sicht: Nach den Hep-Hep-Unru­hen 1819 — Hass­aus­brü­chen, die sich gegen jüdi­sche Bürger in vielen deut­schen Groß­städ­ten wand­ten — und einem poli­ti­schen Mord eines Bur­schen­schaf­ters verbot der Deut­sche Bund alle selbst ver­wal­te­ten stu­den­ti­schen Zusam­men­schlüs­se. Diese Karls­ba­der Beschlüs­se galten bis 1848. Sie wurden ver­schie­den streng gehand­habt, führ­ten aber zu Gefäng­nis­stra­fen, Berufs­ver­bo­ten und Aus­wei­sung für einige Bur­schen­schaf­ter.
Die regel­mä­ßi­gen Ver­fol­gun­gen sei­tens der Behör­den mach­ten immer wieder Schlie­ßun­gen und Wie­der­grün­dun­gen erfor­der­lich. Doch das hin­der­te weder die Corps noch die Bur­schen­schaf­ten an ihrer Aus­brei­tung und Wei­ter­ent­wick­lung. Eine Zusam­men­füh­rung gelang nicht, da die Corps wei­ter­exis­tier­ten und sich teil­wei­se meh­re­re Bur­schen­schaf­ten pro Uni­ver­si­tät bil­de­ten.

c) Ent­ste­hung von christ­li­chen Kor­po­ra­tio­nen
Schon vor den Revo­lu­tio­nen von 1848 bil­de­ten sich die ersten betont christ­li­chen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Denn viele Stu­den­ten ver­miss­ten das christ­lich-reli­giö­se Ele­ment und woll­ten es zum Bestand­teil ihres tra­di­tio­nel­len Gemein­schafts­le­bens machen. Sie waren auch die ersten, die das stu­den­ti­sche Fech­ten zur Aus­tra­gung von Ehren­hän­deln für sich ablehn­ten. 1836 ver­zich­te­te die neu gegrün­de­te Utten­ruthia (Erlan­gen) von Beginn an auf Duell und Mensur. Daraus ent­stan­den zahl­rei­che Christ­li­che Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen in wie­der­um ganz ver­schie­de­nen Formen auf sowohl evan­ge­li­scher wie katho­li­scher Seite. Die ältes­te katho­li­sche Stu­den­ten­ver­bin­dung exis­tiert seit 1844 (Bava­ria Bonn).
Beson­ders zur Zeit des Kul­tur­kamp­fes Preu­ßens gegen die Katho­li­sche Kirche stieg die Zahl katho­li­scher Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Die katho­li­schen Ver­bin­dun­gen grenz­ten sich bewusst von den ande­ren Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen ab. Sie wurden von den schla­gen­den Ver­bin­dun­gen als nicht satis­fak­ti­ons­fä­hig ange­se­hen und darum abge­lehnt. Erst im Zuge der Eman­zi­pa­ti­on gegen­über den schla­gen­den Ver­bin­dun­gen über­nah­men viele christ­li­chen Ver­bin­dun­gen die äußere Form der älte­ren Kor­po­ra­ti­ons­ar­ten.

d) Die neuen Lands­mann­schaf­ten
Zugleich (1840er) bil­de­te sich im Umfeld der poli­ti­schen Eman­zi­pa­ti­on des Bür­ger­tums die soge­nann­te “Pro­gress­be­we­gung” an den Hoch­schu­len, die anknüp­fend an Ideen der Urbur­schen­schaft die stu­den­ti­schen Tra­di­tio­nen an die bür­ger­li­che Kultur der Zeit anpas­sen wollte. Doch auch die daraus ent­stan­de­nen neuen “Pro­gress­ver­bin­dun­gen” — unter ihnen eine neue Art von Lands­mann­schaf­ten , Aka­de­mi­sche Gesang­ver­ei­ne und Aka­de­mi­sche Turn­ver­ei­ne konn­ten die bereits eta­blier­te stu­den­ti­sche Kultur nicht ablö­sen.

e) Auf­schwung der Kor­po­ra­tio­nen
1848 erzwang die erste demo­kra­ti­sche Natio­nal­ver­samm­lung in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che die Auf­he­bung der Karls­ba­der Beschlüs­se. Die nun mög­li­che Libe­ra­li­sie­rung der deut­schen Gesell­schaft mar­kiert einen tiefen Ein­schnitt in der Geschich­te der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Aus ver­bo­te­nen “Unter­grund­or­ga­ni­sa­tio­nen” unbot­sa­mer Jugend­li­cher wurden Zusam­men­schlüs­se der aka­de­mi­schen Elite der Nation. Die Bur­schen­schafts­far­ben Schwarz-Rot-Gold wurden sogar zu den Farben des Deut­schen Bundes erklärt. Von nun an ent­fal­te­te sich die ganze Viel­falt der deut­schen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen.
Auch die “ehe­ma­li­gen Mit­glie­der” — heute Alte Herren genannt — bekann­ten sich nun zu ihrem frü­he­ren Stu­den­ten­bund. Da viele von ihnen mitt­ler­wei­le Spit­zen­po­si­tio­nen der Gesell­schaft ein­ge­nom­men hatten, konn­ten sie ihren Ein­fluss etwa in der Natio­nal­ver­samm­lung gel­tend machen.
Selbst für die Söhne regie­ren­der Adels­häu­ser (Preu­ßen, Würt­tem­berg, Baden, Meck­len­burg-Schwe­rin, Sach­sen-Coburg und Gotha, Schaum­burg-Lippe etc.) wurde es mit der Zeit oppor­tun, in einer Stu­den­ten­ver­bin­dung zu sein. Dafür kamen aller­dings nur nach bestimm­ten Kri­te­ri­en aus­ge­wähl­te Corps in Frage.

f) Die Kai­ser­zeit
Die Grün­dung des Deut­schen Rei­ches im Jahre 1871 erfüll­te nicht alle, aber einige For­de­run­gen des Bür­ger­tums, beson­ders der Bur­schen­schafts-bewe­gung: die Ein­heit Deutsch­lands und eine gemein­sa­me Reichs-ver­fas­sung. All­ge­mei­ne Men­schen- und Bür­ger­rech­te, das freie Wahl­recht, Ver­samm­lungs- und Rede­frei­heit blie­ben stark ein­ge­schränkt. Das Kai­ser­reich wurde vom Groß­bür­ger­tum und Adel beherrscht und geprägt. Ver­bin­dungs­stu­den­ten gehör­ten nun zur eta­blier­ten Füh­rungs­schicht. Ihre Mit­glie­der besetz­ten höchs­te Posi­tio­nen im Staat: So waren Otto von Bis­marck und Kaiser Wil­helm II. zu ihrer Stu­di­en­zeit Corps­stu­den­ten.
Die Stu­den­ten­zahl nahm um diese Zeit stark zu: Manche Quel­len spre­chen von über 1.300 Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen und 49 ver­schie­de­nen Dach­ver­bän­den. Das deut­sche Kai­ser­reich gilt bis heute als Blü­te­zeit der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen: weni­ger wegen der abso­lu­ten Mit­glie­der­zah­len, eher wegen des hohen gesell­schaft­li­chen Anse­hens in weiten Teilen der Bevöl­ke­rung.
Der Erste Welt­krieg been­de­te diese “alte Bur­schen­herr­lich­keit”. Alle gesun­den jungen Männer muss­ten in den Krieg. Das brach­te auch vielen Stu­den­ten und Aka­de­mi­kern die Ein­be­ru­fung, das Ende der Kar­rie­re oder den Tod. Das Uni­ver­si­täts­le­ben kam prak­tisch zum Erlie­gen. Nur zum Teil und mit großer Mühe konn­ten Alte Herren oder ver­wun­de­te Kriegs­heim­keh­rer den Betrieb auf­recht­erhal­ten. Die Hoch­schu­len schlos­sen zwar nicht, aber viele Ver­bin­dun­gen muss­ten sus­pen­die­ren. Manche erhol­ten sich nicht mehr davon. Den­noch bejah­ten alle Ver­bin­dun­gen den Krieg als Dienst “für’s Vater­land” und trugen ihn mit.

g) Wei­ma­rer Repu­blik
Die Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen — auch die eigent­lich unpo­li­ti­schen — bekann­ten sich wei­ter­hin zu kon­ser­va­ti­ven und natio­na­len Ideen und hatten einen Zulauf wie nie zuvor.
1921 beschlos­sen schla­gen­de und nicht­schla­gen­de Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen das Erlan­ger Ver­bän­de- und Ehren­ab­kom­men. Dieses bot erst­mals eine Basis zur Bei­le­gung von Streit zwi­schen diesen Grup­pen.

h) Drit­tes Reich
Die neuen Macht­ha­ber gaben vor, sog. „Arbei­ter der Stirn“ (Aka­de­mi­ker) und „Arbei­ter der Faust“ (Arbei­ter) gleich­ran­gig zu behan­deln. Ab 1934 wurde unüber­seh­bar, dass sie Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht von der Gleich­schal­tungs­po­li­tik aus­neh­men würden.
Die Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze soll­ten in allen Ver­bin­dun­gen rigo­ros durch­ge­setzt werden. Jede Ver­bin­dung musste in Folge nicht nur alle Juden, son­dern auch alle „jüdisch ver­sipp­ten“ Nicht­ju­den aus­schlie­ßen und dar­über Voll­zug melden. Zuwi­der­hand­lun­gen führ­ten zur Ein­stu­fung als „nicht-ari­sche Orga­ni­sa­ti­on“, der kein Stu­dent ange­hö­ren durfte.
Betrof­fe­ne Ver­bin­dun­gen ver­such­ten es zum Teil mit Anträ­gen auf Aus­nah­me­re­ge­lun­gen und Ver­zö­ge­rungs­tak­tik. Viele der betrof­fe­nen Alten Herren traten frei­wil­lig aus, um der eige­nen Ver­bin­dung nicht zu scha­den. Aber die Con­ven­te akzep­tier­ten das oft nicht, so dass ihnen nur noch die frei­wil­li­ge Ein­stel­lung des Akti­ven­be­trie­bes (Sus­pen­si­on) übrig blieb.
Zwi­schen 1934 und 1936 hatten sich die meis­ten Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen ent­we­der selbst auf­ge­löst (tlw. nach dem „Heß-Erlass“, der NSDAP-Mit­glie­dern eine Mit­glied­schaft in einer Ver­bin­dung verbot) oder waren zwangs­auf­ge­löst worden. Die Alt­her­ren­ver­bän­de und einige wenige (vor allem katho­li­sche) aktive Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen exis­tier­ten noch bis etwa 1938 (Himm­ler-Verbot vom 20. Juni 1938).

i) Nach­kriegs­zeit
Nach 1945 ver­bo­ten die alli­ier­ten Mili­tär­re­gie­run­gen einen Groß­teil der deut­schen Ver­ei­ni­gun­gen, so auch die Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Für Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen wurde dieses gene­rel­le Verbot 1950 auf­ge­ho­ben. Ab etwa 1947 ver­such­ten sich einige Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen in West­deutsch­land wie­der­zu­grün­den. Bis 1950 war die Wie­der­be­le­bung des Kor­po­ra­ti­ons­we­sens sehr weit fort­ge­schrit­ten.
Die Ver­bin­dun­gen an Hoch­schu­len der DDR, aus dem ehe­ma­li­gen Königs­berg, Danzig, Bres­lau, Prag und Brünn hatten mitt­ler­wei­le auch ihren Stand­ort nach West­deutsch­land oder Öster­reich ver­legt. Dabei hatten viele mit befreun­de­ten Ver­bin­dun­gen fusio­niert, um ihre Res­sour­cen für den Wie­der­auf­bau zu kon­zen­trie­ren.
Die bal­ti­schen Ver­bin­dun­gen, die in Riga und Dorpat, aber auch in Moskau oder Sankt Peters­burg eine eigene Kultur ent­wi­ckelt hatten, grün­de­ten nach dem Krieg zwei neue Corps in Göt­tin­gen und Ham­burg sowie eine nicht­schla­gen­de Ver­bin­dung in Mün­chen.

j) Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik (DDR)
Die DDR verbot alle Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen als Relikt aus bür­ger­li­chen und feu­da­lis­ti­schen Zeiten als Kin­dern der werk­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung der Zugang zu den Uni­ver­si­tä­ten ver­sperrt war.
Aber schon in den frühen 60er Jahren began­nen sich Stu­den­ten in der DDR wieder für stu­den­ti­sche Tra­di­tio­nen zu inter­es­sie­ren. Dies geschah jedoch im Gehei­men.
Die unsys­te­ma­ti­schen Bemü­hun­gen bün­del­ten sich in den 80ern und führ­ten zur Grün­dung erster DDR-Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Die Ent­wick­lung endete am 10. Febru­ar 1990 mit der Grün­dung der Rudels­bur­ger Alli­anz (RA). Diese ist ein Freund­schafts­bund. Mit­glie­der der RA können solche Ver­bin­dun­gen werden, die vor dem 9. Novem­ber 1989 eine Tra­di­ti­on in der DDR besit­zen. Den Mit­glie­dern der RA steht es frei, sich ande­ren Dach­ver­bän­den anzu­schlie­ßen.

 

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